„Ich habe mich nie gefragt: Ist die Welt noch zu retten?“

Foto: Screenshot / ZDF

Harald Lesch hält schon die Frage für falsch. Im „heute journal“-Podcast erklärt der Astrophysiker, wen wir wirklich retten müssen – und warum Resignation keine Option ist.

Wenn Harald Lesch über die Klimakrise spricht, geht es schnell um eine Frage, die größer kaum sein könnte: Ist die Welt noch zu retten? Lesch dreht die Frage weiter:

„Ich habe mich nie gefragt: Ist die Welt noch zu retten? Ich habe mich immer gefragt: Ist die Menschheit noch zu retten?“

Die Erde werde vermutlich auch ohne den Menschen ganz gut klarkommen, sagt der Astrophysiker im „heute journal“-Podcast. Schließlich war der Planet schon viereinhalb Milliarden Jahre alt, bevor der Homo sapiens auftrat. Gefährdet ist nicht die Erde als Himmelskörper. Gefährdet sind die Bedingungen, unter denen Menschen auf ihr leben können. Und mit ihnen geraten auch Arten und Ökosysteme unter Druck, von denen unser Leben abhängt.

Das klingt zunächst nach einer begrifflichen Korrektur. Tatsächlich verändert es den Blick auf die gesamte Klimadebatte. Klimaschutz ist demnach kein großzügiger Dienst an der Natur. Er schützt unsere eigenen Lebensgrundlagen.

An Hitze kann sich der Mensch nicht unbegrenzt anpassen

Besonders deutlich wird das bei extremer Hitze. Der menschliche Körper braucht eine stabile Innentemperatur. Wird es gleichzeitig heiß und feucht, kann er sich durch Schwitzen irgendwann nicht mehr ausreichend kühlen.

„Wir können uns an solche Temperaturen nicht anpassen. Wir sind Säugetiere, die oberhalb einer bestimmten Temperatur schlicht und ergreifend sterben.“

Welche Außentemperatur lebensgefährlich wird, hängt unter anderem von der Luftfeuchtigkeit, der Dauer der Belastung und dem Gesundheitszustand ab. Eine simple Grenze, ab der jeder Mensch zwangsläufig stirbt, gibt es nicht. Leschs grundsätzlicher Punkt bleibt dennoch richtig: Unsere Anpassungsfähigkeit hat biologische Grenzen.

Darauf sind viele Städte und Infrastrukturen bislang kaum vorbereitet. Gebäude heizen sich auf, versiegelte Flächen speichern Wärme und vielerorts fehlt es an Bäumen, Schatten und frei zugänglichem Wasser. Technische Lösungen können helfen. Aber sie heben die körperlichen Grenzen des Menschen nicht auf und sie stehen nicht überall gleichermaßen zur Verfügung.

Lesch warnt zudem davor, nur auf das nächste Hitzeereignis zu schauen. Gletscher schmelzen, das arktische Eis geht zurück, die Ozeane nehmen den größten Teil der zusätzlichen Wärme auf. Weil Wasser Wärme lange speichert, wirken die Folgen weit in die Zukunft. Seine nüchterne Schlussfolgerung:

„Das, was wir tun können, ist, das Schlimmste zu verhindern.“

Vieles ist längst bekannt

Daraus folgt für Lesch allerdings nicht, dass Gegenmaßnahmen aussichtslos wären. Im Gegenteil: Im Gespräch zählt er auf, was längst getan werden könnte. Weniger Flächen versiegeln, Städte begrünen, Wasser zurückhalten, Wälder schützen, Dächer mit Photovoltaik ausstatten sowie erneuerbare Energien und Speicher schneller ausbauen.

Viele dieser Ideen sind weder neu noch unerprobt. Genau deshalb ärgert Lesch, dass weiterhin so diskutiert wird, als müssten die entscheidenden Lösungen erst noch erfunden werden.

„Wir haben ja alles vorbereitet. Wir brauchen eigentlich nur noch das Richtige zu tun.“

Der Satz ist eine Zuspitzung. Natürlich wird ein Land nicht mit einer Checkliste klimaneutral. Der Umbau kostet Geld, braucht Fachkräfte und greift in bestehende Geschäftsmodelle ein. Vor allem zwingt er zu einer politischen Entscheidung: Wer trägt die Kosten – und wer profitiert?

Wir haben längst kein reines Erkenntnisproblem mehr, wir haben ein Macht- und Umsetzungsproblem, sagt Lesch. Die Lösungen sind bekannt, doch ihre Umsetzung berührt Interessen, verteilt Kosten neu und entwertet fossile Geschäftsmodelle.

Lesch verweist auf einen Widerspruch. Deutschland gibt weiterhin viel Geld für umweltschädliche Subventionen aus und diskutiert zugleich darüber, ob genug Mittel für den klimafreundlichen Umbau vorhanden sind. Menschen mit niedrigen Einkommen könnten sich eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto häufig tatsächlich nicht leisten. Für Lesch ist das kein Argument gegen den Umbau, sondern für eine gerechtere Finanzierung.

Klimapolitik lässt sich für ihn deshalb nicht von der sozialen Frage trennen. Wenn dauerhaft nur wenige profitieren und viele andere verlieren, gerät nicht allein die Transformation unter Druck.

Was gegen die Ohnmacht hilft

Lesch spricht auch über ein Gefühl, das viele Menschen angesichts der Klimakrise kennen: Ohnmacht. Während Einzelne bei Kriegen und internationalen Konflikten kaum Einflussmöglichkeiten sehen, könne man beim Klima sehr wohl vor Ort etwas bewegen – besonders gemeinsam mit anderen.

Als Beispiel nennt er Energiegenossenschaften. Bürger:innen finanzieren und betreiben dabei zusammen Anlagen für erneuerbare Energien. Das schafft nicht nur zusätzlichen Strom, sondern kann auch die Akzeptanz erhöhen, weil Menschen an den Projekten beteiligt sind und an ihren Erträgen teilhaben.

„Das Ohnmachtsgefühl kann man dadurch beheben, dass man sich zusammentut.“

Lesch fordert auch Wissenschaftler:innen auf, sich stärker in öffentliche Debatten einzumischen. Neutralität bedeute nicht, zu schweigen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse verdreht oder falsche Tatsachen verbreitet werden. Forschung müsse so übersetzt werden, dass Menschen daraus Handlungsmöglichkeiten erkennen können.

Bei aller Dringlichkeit zeichnet Lesch deshalb kein Bild, in dem bereits alles verloren ist. Er nennt sich einen „Possibilisten“: Entscheidend sei nicht nur, was wahrscheinlich erscheint, sondern auch, was noch möglich ist.

Sein Gegenmittel zur Verzweiflung ist kein vager Optimismus, sondern das Beharren auf den verbleibenden Möglichkeiten:

„Resignation und Pessimismus sind ein Luxus, den wir uns gar nicht leisten können.“

Die Welt zu retten, wäre vielleicht tatsächlich die falsche Aufgabe. Die Bedingungen zu bewahren, unter denen Menschen auf ihr leben können, ist groß genug.

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