Klimawandel: Ölkonzern gibt beunruhigende Prognose für 2050 – das steckt dahinter

Foto CC0 Pixabay

Ein Ölkonzern legt eine Prognose für 2050 vor, die das eigene Geschäftsmodell erstaunlich gut absichert. ExxonMobil beschreibt damit nicht nur die Zukunft des Energiesystems, sondern auch die Grenzen, die ein fossiler Konzern dem Wandel setzt.

ExxonMobil hat seinen neuen „Global Outlook 2026“ veröffentlicht. Der Bericht beschreibt, wie sich der weltweite Energiebedarf nach Einschätzung des US-Konzerns bis 2050 entwickeln wird. Das Unternehmen nennt den Outlook selbst eine Grundlage seines Geschäftsplans.

Der Konzern erwartet, dass Öl und Gas auch 2050 noch mehr als die Hälfte des globalen Energiemixes ausmachen. Man rechnet zugleich damit, dass die weltweite Stromnachfrage bis 2050 um rund 65 Prozent steigt und erneuerbare Energien schneller wachsen als alle anderen Energiequellen.

Weiterhin rechnet ExxonMobile damit, dass die weltweiten energiebedingten CO2-Emissionen bis 2050 auf rund 30 Milliarden Tonnen pro Jahr sinken. Das wären nach Angaben des Konzerns etwa 20 Prozent weniger als heute. In den vom Weltklimarat (IPCC) ausgewerteten Szenarien, in denen die Erderhitzung wahrscheinlich unter zwei Grad bleibt, liegen die Emissionen 2050 im Durchschnitt jedoch bei rund elf Milliarden Tonnen pro Jahr. Die Exxon-Prognose liegt damit fast dreimal so hoch wie der Mittelwert dieser Szenarien. Die Gegenüberstellung stammt von ExxonMobil selbst.

Der Konzern legt offen, dass seine Berechnungen auf eigenen Annahmen zu Wirtschaftswachstum, Technologiekosten, Effizienz, politischen Entscheidungen und Verbraucherverhalten beruhen. Der Outlook beschreibt damit auch, welche Entwicklung der Konzern für wahrscheinlich hält.

Welche Annahmen hinter der Prognose stehen

ExxonMobil rechnet mit einer wachsenden Weltwirtschaft und einem steigenden Energieverbrauch in Schwellen- und Entwicklungsländern. Auch die Elektrifizierung des Verkehrs und der Industrie kommt in der Prognose vor. Sie reicht aus Sicht des Konzerns jedoch nicht aus, um Öl und Gas schnell aus dem Energiesystem zu verdrängen.

Hinzu kommt die Nachfrage nach petrochemischen Produkten. Öl und Gas werden dabei nicht nur verbrannt, sondern auch als Rohstoffe für Kunststoffe und andere Produkte genutzt. ExxonMobil erwartet deshalb, dass fossile Energien trotz des Ausbaus von Wind- und Solarenergie lange eine große Rolle spielen.

Andere Szenarien setzen bei diesen Punkten andere Schwerpunkte. Im Netto-Null-Szenario der Internationalen Energieagentur liegt der globale Energiebedarf 2050 etwa acht Prozent unter dem heutigen Niveau. Gleichzeitig ist die Weltwirtschaft mehr als doppelt so groß und die Weltbevölkerung um zwei Milliarden Menschen gewachsen. Effizienz, Ressourcenschonung und Verhaltensänderungen gleichen dort einen Teil der wachsenden Nachfrage nach Energiedienstleistungen aus.

Im IEA-Netto-Null-Szenario sinkt der globale Energiebedarf trotz wachsender Weltwirtschaft und steigender Bevölkerung. Öl und Gas verlieren dort stark an Bedeutung. Nach Einschätzung der IEA müssen keine neuen langfristigen konventionellen Öl- und Gasprojekte mehr genehmigt werden. Das betrifft nicht automatisch alle bestehenden Anlagen oder bereits genehmigten Projekte.

Der Unterschied zwischen den Szenarien liegt auch in den gesetzten Maßstäben: Wie stark wächst der Energiebedarf? Wie schnell steigen Effizienz und Elektrifizierung? Und wie viel politische Steuerung wird vorausgesetzt?

Die Perspektive des Konzerns ist dabei relevant: ExxonMobil nutzt den Outlook als Grundlage seines Geschäftsplans und verdient an Öl, Gas und petrochemischen Produkten. Ein Blick auf die Geschichte der Exxon-Kommunikation erklärt, warum diese Prognose besonders kritisch gelesen werden sollte.

Eine Geschichte mit Vorgeschichte

ExxonMobil hat Erfahrung darin, Klimarisiken früh zu erkennen. Eine Studie von Geoffrey Supran, Stefan Rahmstorf und Naomi Oreskes in der Fachzeitschrift Science kam 2023 zu dem Ergebnis, dass interne Exxon-Dokumente und wissenschaftliche Veröffentlichungen die spätere globale Erwärmung erstaunlich präzise modellierten. Die untersuchten Projektionen stammten aus den Jahren 1977 bis 2003.

Exxon-interne Projektionen modellierten die spätere globale Erwärmung laut der Studie erstaunlich präzise. Öffentlich stellte Exxon die Klimawissenschaft über Jahre deutlich vorsichtiger dar. Eine Analyse von Geoffrey Supran und Naomi Oreskes in Environmental Research Letters untersuchte interne Dokumente, Fachbeiträge und bezahlte Zeitungsanzeigen des Konzerns. 83 Prozent der untersuchten peer-reviewten Fachbeiträge und 80 Prozent der internen Dokumente erkannten den menschengemachten Klimawandel an. In den untersuchten Advertorials taten das nur zwölf Prozent; 81 Prozent äußerten dort Zweifel.

In den 1990er-Jahren half Exxon außerdem dabei, die „Global Climate Coalition“ zu gründen und zu führen. Das Bündnis stellte politische Maßnahmen gegen fossile Emissionen infrage und verbreitete Zweifel an der Klimawissenschaft.

Im aktuellen Global Outlook setzt ExxonMobil auf ein anderes Argument: Der Klimawandel und der Ausbau erneuerbarer Energien werden anerkannt. Öl und Gas gelten trotzdem als langfristig unverzichtbar. Der Konzern beschreibt damit einen Pfad, auf dem sein eigenes Geschäftsmodell weiter gebraucht wird.

Fossile Prognosen schaffen fossile Abhängigkeiten

Für Unternehmen mit fossilen Geschäftsinteressen ist das praktisch: Je länger Öl und Gas als unverzichtbar gelten, desto plausibler erscheinen neue Förderanlagen, Pipelines und LNG-Terminals. Solche Investitionen verlängern Abhängigkeiten und verengen den politischen Spielraum über Jahrzehnte.

Wer neue fossile Strukturen schafft, bindet Kapital und Handlungsspielraum für Jahrzehnte. Welche Entwicklung wahrscheinlicher wird, hängt von politischen Entscheidungen, Investitionen und Infrastruktur ab. Wer Effizienz, Elektrifizierung und erneuerbare Energien beschleunigt, verändert die Bedingungen des Energiesystems.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Welche Zukunft zementieren Unternehmen mit ihren Investitionen – und welchen Handlungsspielraum verspielen sie dadurch?

Verwendete Quellen: Global Outlook 2026, ExxonMobil: CO_2-Emissionen sinken bis 2050 um 20 Prozent, Methodik und Annahmen des Global Outlook, Internationale Energieagentur, Studie zu Exxons Klimaprojektionen in Science, Analyse von Exxons Klimakommunikation in Environmental Research Letters, PBS Frontline: Exxons frühe Warnungen vor dem Klimawandel

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