74.000 Solarmodule auf 70 Hektar Ackerland – direkt neben dem BER ging Deutschlands größte Agri-PV-Anlage in Betrieb. Sie soll Strom für 16.500 Haushalte liefern, und dabei weiter Ackerbau auf der Fläche gewährleisten.
Am 8. September 2026 ging bei Selchow, einem Ortsteil von Schönefeld direkt an der Südbahn des Berliner Flughafens BER, Deutschlands größte Agri-Photovoltaik-Anlage mit durchgehendem Ackerbau ans Netz.
Wie das Wirtschaftsmagazin CleanThinking berichtet, sollen 74.000 Solarmodule auf rund 70 Hektar künftig 59 Gigawattstunden Strom pro Jahr liefern – genug für 16.500 Haushalte – und dabei rund 21.500 Tonnen CO2 jährlich einsparen. Flächenmäßig größere Anlagen wie der Klimapark Steinhöfel von Sunfarming zählen nach Definition des NABU nicht als echte Agri-PV, weil dort Schafbeweidung statt aktiver Landwirtschaft im Vordergrund steht.
Die Module sind bifazial, sie können sich dank „Trackern“ also nach der Sonne ausrichten und bis zu 60 Grad neigen. CleanThinking zufolge kann man so auch das vom Boden reflektiere Licht einfangen und den Stromertrag bis zu 30 Prozent steigern. Gleichzeitig soll die Fläche als Acker bewirtschaftet werden. Dies übernimmt Sven Geelhaar, ein Bioland-zertifizierter Landwirt aus der Schorfheide, der per öffentlicher Ausschreibung ausgewählt wurde.
Die Fläche gehört den Berliner Stadtgütern, einer landeseigenen Gesellschaft. GoldbeckSolar hat die Anlage gebaut, entwickelt wurde das Projekt von Elysium Solar; Eigentümer der Solaranlage ist klimaVest, ein Privatanlegerfonds der Commerz-Real-Gruppe.
Agri-PV in Selchow: Ackerbau bleibt möglich
Das Besondere an der Anlage: Die Module stehen bis zu 3,50 Meter hoch aufgeständert, in Reihen mit elf Metern Abstand. Auf 90 Prozent der Gesamtfläche kann also weiterhin Landwirtschaft betrieben werden – nicht nur am Rand, sondern zwischen den Modulreihen selbst. Traktor und Erntemaschine passen durch. Laut CleanThinking soll auf dem Acker ab September eine Zwischenfrucht wachsen, und ab 2027 Körnerhirse, Luzerne und Ackergräser.
Auf den leichten Böden des Standorts sollen die Module zudem als Teilüberdachung funktionieren und etwa vor Starkregen oder extremer Sonneneinstrahlung schützen, wie Projektleiter Thomas Müller gegenüber dem Branchenportal erklärt. Im trockenen April 2026 ließ sich unter den Modulreihen demnach tatsächlich noch Bodenfeuchtigkeit messen. Wie stabil dieser Effekt auftritt, wird aktuell über eine wissenschaftliche Begleitforschung erforscht. Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), die TU Dresden und das Bundesamt für Naturschutz begleiten die Anlage wissenschaftlich – und sollen mit Daten zu Ertrag, Bodenfeuchte und Biodiversität Grundlagenforschung für künftige Projekte betreiben.
Naturschützer:innen loben Agri-PV – und zeigen Grenzen auf
Agri-Photovoltaik-Anlagen kombinieren Landwirtschaft mit Energiegewinnung – damit umgehen sie den Flächenkonflikt, mit dem die Energiewende oft einhergeht. „Das kann den Klimaschutz voranbringen und bietet neue Einnahmequellen abseits von Solarparks“, lobt auch der Nabu. Die Naturschützer:innen sehen in der Technik einen echten Vorteil – auch weil dadurch für wildlebende Tiere wichtige Gebiete weniger unter Druck geraten, sie für menschliche Zwecke zu zerstören. Sie betonen aber, dass Dächer und versiegelte Flächen beim Solarausbau Vorrang haben müssen.
Denn Agri-PV birgt auch Risiken. Zu viel Schatten oder veränderte Niederschlagsmuster können Ernteeinbußen verursachen. Intensive Bewirtschaftung unter den Modulen, etwa mit mehr Pestiziden, kann Arten verdrängen. Und: Eine Agri-PV-Anlage erzeugt strukturell weniger Strom als ein klassischer Solarpark auf gleicher Fläche. Hinzu kommen hohe Baukosten und bürokratische Hürden, weil das deutsche Bau- und Naturschutzrecht klare Regeln für die Doppelnutzung bislang schuldig bleibt.
Der Nabu fordert deshalb, dass neue Anlagen konsequent auf Biodiversität ausgerichtet werden. Damit dies flächendeckend geschehe, seien auch politische Beschlüsse nötig.
Herausforderung: Förderung schrumpft
Das Projekt in Selchow kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt für die Branche. Das Bundeskabinett beschloss am 29. Juli 2026 die EEG-Novelle 2027, die den Förderbonus für Agri-PV auf 0,5 Cent pro Kilowattstunde senkt. Verbände wie Bioland und Landvolk Niedersachsen fordern mindestens 2,5 Cent – weil die hochaufgeständerte Bauweise deutlich teurer ist als klassische Freiflächenanlagen.
Noch einschneidender: Das eigene Ausschreibungssegment für Agri-PV wird gestrichen. Ab 2027 muss die teurere Doppelnutzung direkt gegen billigere Freiflächenanlagen konkurrieren. Richard Härtel, COO des Projektentwicklers Elysium Solar, macht die Konsequenz deutlich: Selchow sei nur ohne EEG-Förderung realisierbar gewesen, weil klimaVest die Anlage über einen eigenen Fonds trägt. Für andere Projekte dieser Größenordnung dürfte das kaum gelten.
Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), die TU Dresden und das Bundesamt für Naturschutz begleiten die Anlage wissenschaftlich – und sollen mit Daten zu Ertrag, Bodenfeuchte und Biodiversität die Grundlage für künftige Projekte legen. Ob es diese Projekte unter den neuen Förderbedingungen geben wird, steht auf einem anderen Blatt.
Utopia.de meint: Energiewende jetzt nicht bremsen
Deutschland droht, seine Klimaziele zu verfehlen, die Folgen der Erderhitzung werden immer spürbarer – und ausgerechnet jetzt erschwert die Bundesregierung mit der EEG-Novelle 2027 den Ausbau erneuerbarer Energien. Die neuen Hürden bremsen die Branche zu einem kritischen Zeitpunkt, zu dem wir erarbeitete Lösungen eigentlich flächendeckend etablieren müssten.
Zu diesen Lösungen zählt auch Agri-PV: Die Technologie löst einen der zentralen Konflikte der Energiewende, nämlich den Kampf um knappe Flächen. Wissenschaftlich ist sie längst erprobt, es fehlt nur an klaren Vorgaben für Arten- und Naturschutz – und an politischen Rückenwind.
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Verwendete Quellen: cleanthinking.de, NABU
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