Berlinale Volker Koepps "Chronos": Eine Reise durch Sarmatien und in die Vergangenheit
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20. Februar 2026, 15:30 Uhr
Sarmatien, so heißt die Lieblingslandschaft des Regisseurs Volker Koepp. In seinem neuen Film "Chronos – Fluss der Zeit" begibt er sich erneut auf eine Reise in diese Region zwischen Ostsee und Schwarzem Meer – und kehrt dabei an die wichtigsten Orte seines Schaffens zurück. Dabei trifft der Dokumentarfilmer alte Weggefährten und zeichnet nach, wie der Krieg in der Ukraine das Land und die Menschen dort geprägt hat. Der Film hat auf der Berlinale Premiere gefeiert und kommt im März in die Kinos.
- Volker Koepp hat inzwischen über 60 Dokumentarfilme gedreht. Bekannt wurde er durch seine Wittstock-Filme.
- Für "Chronos" kehrte er an die wichtigsten Orte seines Schaffens zurück. Einige davon, wie Czernowitz, sind heute im Krieg.
- Mit dem Film zieht Koepp eine Art Bilanz aus seinen vorherigen Reisefilmen.
Man müsste in der Zeit reisen können, um Zeuge vergangener Momente zu sein. Der ehemalige DEFA-Regisseur Volker Koepp kann das in gewisser Weise. Seit 1972 bereist und dokumentiert er die Region, die er Sarmatien nennt, inspiriert durch den Dichter Johannes Bobrowski und seinen Gedichtband "Sarmatische Zeit". Für "Chronos – Fluss der Zeit" ist er in sein Film-Archiv abgetaucht, um vergangene Momente durch neue zu ergänzen.
Von der Ostsee über das Schwarze Meer zur Berlinale
Das Land Sarmatien habe er auf einer Landkarte der Spätantike nach dem Mathematiker Claudius Ptolomeus gefunden, erklärt Volker Koepp zu Beginn seines Films in seiner unaufgeregten Art: "Es war als Sarmatia verzeichnet und erstreckte sich über weite Ebenen von der Ostsee bis hinunter ans Schwarze Meer." Schon 2012 drehte er dort den Dokumentarfilm "In Samartien" (2014).
Auf einer alten Landkarte der Gegend entdeckte er später den altgriechischen Namen seines Lieblingsflusses Memel: "Chronos", wie der Gott der Zeit. Für Koepp ein Ruf aus der Vergangenheit, der ihn dazu veranlasste, sich erneut mit der Region auseinanderzusetzen. Bereits 2019 formulierte er den Plan, noch einmal durch Sarmatien zu reisen und seine Protagonisten zu treffen. Doch es kam anders als gewollt.
Erst die Krim, dann Corona und der Krieg
Eigentlich wollte Koepp mit "Chronos" die Reise aus "In Sarmatien" (2014) noch einmal in umgekehrter Richtung machen: Vom Baltikum über Belarus in Richtung Ukraine und Moldau. Doch nach der russischen Annektion der Krim 2014 seien große Teile des Kaliningrader Gebiets wieder zu Sperrgebieten geworden und deshalb auch für Dreharbeiten nichtmehr zu erreichen gewesen, erklärt der Regisseur in seinem Film. Dann folgten Corona und der Angriffskrieg auf die Ukraine. "Chronos" wurde, so Koepp, zu einem ungeplanten Langzeitprojekt.
Auch das Wiedersehen mit den drei ukrainischen Freundinnen aus Czernowitz, die schon in "In Sarmatien" auftauchten, fand 2022 deshalb in Deutschland statt. Hier, in Sicherheit, treffen sie sich wieder. Was mit ihrem Land passiert ist, habe auf sie gewirkt wie ein schrecklicher Film im Kino, erklärt Tanja, eine der Protagonistinnen: "Ich habe bis zum letzten Tag nicht geglaubt, dass es möglich ist."
Alte Bekannte und neue Entwicklungen
Einmal verlässt Volker Koepp, was er sonst nie tut, seinen Posten hinter der Kamera und umarmt eine der beiden Tanjas, die mit den Tränen kämpft. Wir sehen die drei in Czernowitz damals, wie sie über ihre Zukunft sprechen, bereits voller Zweifel, was werden soll. Noch früher, Czernowitz 1998 – eine Filmszene mit Frau Zwilling, der letzten dort gebürtigen Jüdin. Sie zieht eine fatale Bilanz ihres Jahrhunderts. Aber wenigstens werde es einen Hitler oder Stalin nicht wieder geben. Dann wieder Czernowitz im Jahr 2023. Koepp ist alleine, nur mit Handy hingereist, nimmt die gespenstische Stille der Sperrstunde auf.
Auch die Protagonistin Ana-Felicia aus Moldau trifft Koepp in Deutschland. Für sie sei es, als habe man in der Region vor langer Zeit Samen gepflanzt, erklärt sie. Sie verstünde jetzt, dass in "solchen konfliktreichen Regionen, wo so viele Ethnien zusammen wohnen, wo die Grenze so viel hin und her bewegt wurde, nach fast 30 Jahren Unabhängigkeit die Konflikte wie Pflanzen herauskommen."
Koepp zieht mit Doku eine Art Bilanz
Vor dem Hintergrund des aktuellen Krieges wird besonders deutlich: Sarmatien ist nicht nur ein Umriss auf einer alten Landkarte. Es ist ein nach wie vor aktiver Erfahrungsraum, geprägt von Krieg, Vertreibung, Deportation, Vergewaltigung, Hunger und ganz besonders: Von der Vernichtung der europäischen Juden, die hier, im Baltikum, in Weißrussland, Polen, der Ukraine, zu Hause waren.
Wenn sich diese Art von Unmenschlichkeit durchsetzt, dann gnade uns Gott.
Koepps Reise durch Raum und Zeit verbindet diese Spuren miteinander. Aber einen Ausweg aus dem Vergessen scheint es nicht zu geben. Oder wie es im Film Anetta Kahane, Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung, formuliert: "Wenn sich diese Art von Unmenschlichkeit, sich abzuwenden und kein Mitgefühl zu haben, durchsetzt, als eine Ideologie des Wegschauens und der Fake-News, dann gnade uns Gott."
Mit "Chronos" zieht Volker Koepp auch selbst eine Art Bilanz – aus seinen vielen Reisefilmen. Obwohl von alten Hoffnungen nicht viel übrig bleibt, lohnt es sich, in den bewegenden Strom der Momente einzutauchen. So vergehen die dreieinhalb Stunden fast wie mit einem Fingerschnips.
Angaben zum Film:
"Chronos – Fluss der Zeit"
Ein Film von Volker Koepp
Deutschland 2026
198 Minuten
Kinostart: 12. März 2026
Quellen: MDR KULTUR (Lars Meyer), Berlinale, Salzgeber
redaktionelle Bearbeitung: az
Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Februar 2026 | 17:40 Uhr