Die deutsche und die russische Flagge
Kontext

Russische Desinformation Wie Storm-1516 Deutschland ins Visier nimmt

Stand: 09.02.2026 • 12:35 Uhr

Ein internationales Netzwerk verbreitet russische Propaganda über die Bundesregierung und Bundeskanzler Merz. Was ein Fußballstadion in Brasilien damit zu tun hat.

Von Alice Echtermann, NDR Team Verifikation & Faktencheck

1,4 Milliarden Euro soll Deutschland in ein Fußballstadion in der brasilianischen Stadt Belém investieren - so berichtet es die Website Nova Resistência am 19. Januar. Bundeskanzler Friedrich Merz habe grünes Licht für das Projekt gegeben, als Wiedergutmachung, weil er beim Klimagipfel im November vergangenen Jahres andeutete, Belém sei kein schöner Ort.

Die Stadionfinanzierung ist jedoch frei erfunden. Das bestätigten ein Regierungssprecher und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung dem NDR. Nova Resistência ist mit einer russischen Desinformationskampagne namens Storm-1516 verbunden. Das Netzwerk dahinter erstreckt sich weltweit - und eine neue Spur führt nun nach Brasilien.

Screenshot von novaresistencia.org zeigt eine Fakenews über Merz

Der Artikel über eine deutsche Stadionfinanzierung in Brasilien ist frei erfunden.

Storm-1516: Elf Fakes über Deutschland in neun Monaten

Storm-1516 ist der Oberbegriff für einen Komplex aus Influencern und russischen Denkfabriken oder Stiftungen, der seit Jahren Desinformation über die Ukraine und ihre Unterstützer im Netz verbreitet. Recherchen von Correctiv deckten Anfang 2025 auf, dass die Kampagne hinter mehreren Fakes im Bundestagswahlkampf steckte.

Aktivisten des Gnida-Project beobachten Storm-1516 seit Monaten. Ausgehend von ihrer Arbeit konnte der NDR von Mai 2025 bis Januar 2026 elf weitere Fakes identifizieren, die sich gegen Deutschland richten. Vorrangig wird darin Kanzler Merz diskreditiert, zum Beispiel mit der Falschbehauptung, er habe Eisbären in Kanada geschossen.

Die Falschinformationen tauchen oft auf gefälschten Websites auf, die etablierte Medienmarken nachahmen. Betroffen waren beispielsweise die Frankfurter Rundschau, der Stern, Correctiv oder auch die Website der CDU-CSU-Fraktion im Bundestag. Eine Gruppe von Influencern verbreitet die Fake-Websites zusammen mit Videos im Stil von Nachrichtenbeiträgen auf der Plattform X.

Raphael Machado: ein pro-russischer Netzwerker

Diese Influencer sind den Recherchen zufolge untereinander vernetzt. Der Schweizer Daniel Gugger teilt seit Monaten die Inhalte von Storm-1516 auf X. Er hat auf der Plattform mehr als 38.000 Follower, seine Posts erreichen also potenziell Tausende. Dem NDR teilte Gugger mit, er habe die Nachrichten stets für wahr gehalten. Er habe sie von einem Mann namens Raphael Machado geschickt bekommen, der sich ihm als brasilianischer Journalist vorgestellt habe. Gugger betont, für das Teilen nie bezahlt worden zu sein.

Machado ist der Anführer der Organisation Nova Resistência, auf deren Website die Fußballstadion-Geschichte erschienen ist. Er tritt öffentlich als Geopolitik-Experte auf und wurde schon vorher mit Storm-1516 in Verbindung gebracht, unter anderem von der französischen Behörde Viginum.

Machado hat immer wieder Deutschland im Visier: Ende Dezember veröffentlichte er einen Artikel über Deutschlands vermeintlichen "neuen Totalitarismus" auf der Website der russischen Strategic Culture Foundation. Der Text wurde auch von Websites aus der Schweiz wie Uncut News und Transition News aufgegriffen. Die Strategic Culture Foundation ist seit 2022 wegen der Verbreitung von Desinformation von der EU sanktioniert und soll Verbindungen zum russischen Geheimdienst haben. Auf eine Anfrage des NDR hat Machado nicht reagiert.

Nova Resistência verbreitet Propaganda

Nova Resistência gehört zu einer internationalen Bewegung namens "Neuer Widerstand", die offenbar Untergruppen in verschiedenen Ländern hat. Bereits 2023 beschrieb das US State Department sie als Teil eines russischen Desinformationsapparats, der die neofaschistische Ideologie des russischen Philosophen Aleksandr Dugin verbreite. Dabei handle es sich um eine eurasisch-imperialistische Bewegung, die gegen westliche Demokratien arbeite und autoritäre Regime weltweit unterstütze.

Dugin ist auch der Gründer der Denkfabrik Center for Geopoltical Expertise. Im Dezember benannte das Auswärtige Amt das CGE öffentlich als einen der Drahtzieher hinter Storm-1516. Gemeinsam mit einer weiteren Organisation: Der Double-Headed Eagle Society, besser bekannt als Tsargrad Society.

Ein globales Netzwerk

Tsargrad ist eine orthodox-nationalistische Organisation, verbunden mit dem sanktionierten Medienkonzern des russischen Oligarchen Konstantin Malofeev. Ein Hinweis auf ihre Verbindung zu Storm-1516 ist der pro-russische Influencer Simeon Boikov. Im Netz ist er bekannt als "Aussie Cossack". Er verbreitete selbst bereits mehrere Fakes der Kampagne. Und er arbeitete für einen Ableger der Double-Headed Eagle Society in Australien.

Boikov lebt seit Ende 2022 im russischen Konsulat in Sydney, weil er einen pro-ukrainischen Demonstranten angegriffen haben soll. Er erhielt Asyl und die russische Staatsbürgerschaft. Dem NDR bestätigte Boikov auf Nachfrage seine Verbindung zur Double-Headed Eagle Society. Er sei "russischer Propagandist und stolz darauf", sagte er.

Untätigkeit der Plattform X

Boikov ist seit 2025 von der EU sanktioniert, so wie weitere Hinterleute von Storm-1516, darunter das Center for Geopolitical Expertise. Die Verbreitung der Fakes hat das bisher nicht gestoppt. Geteilt werden sie aktuell fast ausschließlich über die Plattform X.

Darren Linvill von der Clemson University, der seit 2023 zu Storm-1516 forscht, sagt: X habe kein Interesse daran, diese Desinformationskampagne einzudämmen. Dabei verstießen die Accounts gegen die Regeln der Plattform und sollten gesperrt werden. Tatsächlich untersagt X das Teilen "unauthentischer Inhalte".

"Es ist im digitalen Raum sehr schwierig, gegen solche Inhalte vorzugehen", sagt Isabelle Kalbitzer, Sprecherin des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV). Das BfV versuche teilweise, an die Plattformbetreiber heranzutreten, um Inhalte löschen zu lassen. Oft sei aber auch nicht eindeutig, ob die Inhalte strafbar seien oder nicht. Falschinformationen an sich zu verbreiten, ist in Deutschland nicht verboten, so lange kein Straftatbestand wie beispielsweise Volksverhetzung erfüllt ist.

X ließ eine Presseanfrage des NDR unbeantwortet. Von einer Liste von 14 X-Accounts, die der NDR mitschickte, wurde kurze Zeit später die Hälfte gesperrt. Eine Rückmeldung erhielt die Redaktion von X jedoch nicht. Die meisten Accounts der Storm-1516-Influencer sind weiterhin online.

Dieses Thema im Programm: NDR Info | Nachrichten | 04.02.2026 | 06:37 Uhr

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