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Saarland Kulturprofessor: "Fasten ist heute ein Wohlstandsphänomen"

Stand: 19.02.2026 • 10:58 Uhr

Das Fasten von verschiedenen Suchtmitteln, zum Beispiel der Verzicht auf Alkohol, kann gesundheitsfördernd sein. Das Problem für Kulturprofessor Gunther Hirschfelder: Der Trend zum Fasten erreicht Menschen in wirklich problematischen Verhältnissen nicht.

Von Interview: Katrin Aue / Onlinefassung: Tom Manzelmann

In den vergangenen Tagen haben Faasebooze im ganzen Saarland auf Umzügen gefeiert. Am Aschermittwoch hat dann die sechswöchige Phase des Verzichts nach christlichem Glauben begonnen: die Fastenzeit.

Mal eine Weile auf Alkohol, Fleisch, Süßigkeiten oder auf das Dauerscrollen am Handy verzichten, kann der Gesundheit zumindest nicht schaden. Doch auch für die Psyche kann der Zwang zum Selbstverzicht helfen – weil es ein Gefühl vermittelt, stark genug zu sein.

Kultur-Professor: Fasten kann Nachteile haben

Gunther Hirschfelder ist Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Im Interview mit SR kultur sagt er: Trotz aller Vorteile zieht Fasten auch Nachteile nach sich.

Für ihn steht vor allem das gesamtgesellschaftliche Miteinander im Fokus. Denn das moderne Bild des Verzichts und der Selbstdisziplinierung, das mit dem Fasten nach außen getragen werde, könne etwa Suchtkranke oder Menschen in prekären Verhältnissen weiter an den Rand der Gesellschaft drängen.

Forscher: Fasten zum großen Teil ein "Wohlstandsphänomen"

Hirschfelder sieht zwei große kulturelle Leitmotive für das Fasten: einerseits eben Religion – andererseits der gesunde Lifestyle. Das religiöse Fasten werde seit der biblischen Überlieferung "immer wieder kolportiert und transportiert und kommuniziert: Fasten bringt uns Gott näher".

Das Lifestyle-Fasten sei heute deutlich stärker vertreten – und werde vor allem von der wohlhabenderen Bevölkerung vermittelt. Hirschfelder meint, dass vor allem die Menschen fasten und auf Dinge verzichten, die es eigentlich gar nicht nötig haben: "Diese Fastengeschichten heute sind eigentlich Wohlstandsphänomene", meint der Kulturprofessor.

Fasten erreicht Suchterkrankungen nicht

Ihm zufolge erzählen also Menschen die Geschichte vom Fasten, "die schon alles haben". Nicht von der Erzählung abgeholt werden wiederum die "Menschen, die eigentlich Probleme haben, die im Überfluss Essen und trinken".

Hirschfelder nennt ein überspitztes Beispiel: "Wer abends zehn Bier trinkt und danach noch ein paar Schnäpse, der wird von diesen Fastendingen gar nicht abgeholt." Auch etwa Menschen mit Übergewicht holen die Fastenerzählungen nicht ab.

"Eine Suchterkrankung kann ich so nicht erreichen", schlussfolgert Hirschfelder. "Und das zeigt eben auch ein Stück weit die Ambivalenz, vielleicht auch die Verlogenheit von Fasten-Diskussionen, die wir heute bei uns haben."

Menschen mit psychosozialen Problem fasten kaum

Hirschfelder verortet auch Achtsamkeitsdiskurse und ähnliche Phänomene der modernen Gesellschaft in der neuen Fastenerzählung.

"Das sind Dinge, die viele Menschen, die wirklich große Probleme haben, die psychosozialen Stress haben, gar nicht erreichen", schließt der Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft.

Über dieses Thema hat auch "SR kultur – Der Morgen" im Radio am 18.02.2026 berichtet.

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Erstveröffentlichung: 19.02.2026 | 10:58 Uhr

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