Mitarbeiter in einem Großraumbüro.
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Teilzeit-Debatte Arbeiten die Deutschen zu wenig?

Stand: 05.02.2026 • 06:02 Uhr

"Lifestyle-Teilzeit" oder die "faulen Deutschen": Die Debatte über die Arbeitszeit verlief zuletzt hitzig. Müssen die Beschäftigten wirklich mehr arbeiten? Und welche Reformen halten Experten für sinnvoll?

Von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion

"Wir müssen in Deutschland mehr arbeiten" ist ein Satz, den man aktuell häufig hört und liest. Um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, brauche es Reformen am Arbeitsmarkt, hieß es zuletzt häufig aus der Union. Auch Ökonomen plädieren für ein höheres Arbeitsangebot - allerdings aus einem anderen Grund.

"Deutschland steht vor einer starken demografischen Schrumpfung. Wir verlieren über 15 Jahre sieben Millionen Arbeitskräfte einfach nur aus Alterungsgründen - wenn man das nicht irgendwie ausgleicht", erklärt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Es sei dementsprechend richtig, dass es mehr Arbeitsstunden brauche. "Aber wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, dass die Politik den Menschen Ansagen macht, wie lange sie arbeiten sollen", ergänzt der Experte. Stattdessen müsse sie bessere Rahmenbedingungen sowie Anreize schaffen und Unterstützung bereitstellen.

Gründe für die hohe Teilzeitquote

Ähnlich sieht das Dominik Groll vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Wenn die Babyboomer in den Ruhestand gehen, werde insgesamt auf die Bevölkerung gesehen weniger gearbeitet - bei unveränderter Nachfrage. "Das hat Konsequenzen für unseren Lebensstandard, wenn sich da nichts ändert", so der Arbeitsmarktforscher. Wie viel man individuell arbeite, sei aber die Entscheidung jedes Einzelnen. "Wenn ich mehr arbeite, verdiene ich mehr und kann mir mehr leisten - habe aber weniger Freizeit. Und umgekehrt."

Die durchschnittlichen Arbeitsstunden pro Arbeitnehmer in Deutschland sind nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Ländervergleich niedrig und in den vergangenen 20 Jahren stark zurückgegangen. Allerdings korrespondiere die Entwicklung mit einer starken Zunahme der Beschäftigungsrate von Frauen und älteren Arbeitnehmern, berichtet Robert Grundke, Leiter des Deutschland-Desks bei der OECD. "Es sind eine ganze Menge Frauen und ältere Arbeitnehmer, die vorher gar nicht gearbeitet haben, in den Arbeitsmarkt gekommen."

Die gestiegene Erwerbsbeteiligung habe einen relativ starken Anteil am Wirtschaftswachstum der vergangenen zwei Jahrzehnte gehabt, sagt der Ökonom. Nun müsse aber überlegt werden, wie man Anreize schafft, das Arbeitsangebot zu erhöhen und damit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Denn gerade diese Gruppen arbeiten in Deutschland häufig nicht Vollzeit. Zudem seien mehr Studierende im Arbeitsmarkt aktiv, ergänzt Enzo Weber. Auch deshalb lag die Teilzeitquote in Deutschland dem IAB zufolge im dritten Quartal 2025 bei über 40 Prozent.

Anreize statt Appelle

Ideen schwirren viele herum: Dazu gehören unter anderem die Streichung von Feiertagen, Sozialleistungen oder der telefonischen Krankschreibung sowie die Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit oder die Erhöhung der maximalen Arbeitszeit pro Tag. Viele Forderungen seien jedoch nicht nachhaltig, betont Weber. So sorge zum Beispiel die Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit für mehr Flexibilität, könne aber der Gesundheit schaden und zu Qualitätsverlusten führen. Genauso bedeute die Einschränkung von Lohnfortzahlung einen sinkenden Krankenstand, aber auch dadurch, dass Menschen krank zur Arbeit gingen, Risiken für Ansteckungen und Fehler.

"Ich glaube, es wird kaum Menschen geben, die ihre Arbeitszeit erhöhen, weil es Appelle aus der Politik gibt", sagt IfW-Experte Groll. Außerdem sei der Effekt auf das Wirtschaftswachstum nicht langfristig. "Die Arbeitszeit einmalig um ein Prozent zu erhöhen wird auch die Wirtschaftsleistung einmalig ein Prozent erhöhen." In den Jahren danach bleibe das Wachstum aber das Gleiche. Hier seien andere Stellschrauben nötig, die die Innovationskraft und damit die Produktivität steigern.

Für den Arbeitsmarkt sei etwas anderes relevant: die hohen Steuern und Abgaben auf Arbeitseinkommen in Deutschland. "Solange es sich nicht netto rechnet für den Einzelnen, wird es nie dazu kommen, dass viel mehr gearbeitet wird", sagt Groll. "Es passt nicht zusammen, dass man Arbeiten so unattraktiv macht und dann appelliert, mehr zu arbeiten." Gerade in den niedrigen Einkommensgruppen lohne sich das kaum. "Wenn dort mehr gearbeitet und ein höheres Einkommen erarbeitet wird, werden im Gegenzug zu einem hohen Prozentsatz Sozialleistungen gestrichen." Am Ende mache das kaum einen Unterschied.

Experten kritisieren Steuer- und Transfersystem

"In Deutschland sehen wir häufig, dass die Anreize für Erwerbstätigkeit einfach zu schwach sind", sagt auch Weber. "Wenn man im unteren Einkommensbereich ist und mehr verdient, steigen die Steuersätze ziemlich stark an. Diese Steuerprogression müssen wir abflachen." Es brauche zudem eine Sozialstaatsreform, die verschiedene Leistungen in die Grundsicherung integriere und dafür sorge, dass es bei zusätzlichem Erwerbseinkommen einen Selbstbehalt von rund 30 Prozent gebe. "Allein das würde mehrere Hunderttausend Jobs schaffen", meint der Experte.

"Es geht vor allem darum, die Leute durch ein effizientes und besser gestaltetes Steuer- und Transfersystem dazu zu bringen, mehr zu arbeiten", erklärt Grundke. Für die unteren und mittleren Einkommen müsse der sogenannte Grenzsteuersatz gesenkt werden. Dieser gibt an, wie viel Steuern für einen zusätzlichen Euro Einkommen gezahlt werden müssen. Um das zu finanzieren, sollten laut Grundke Ausnahmen bei Kapitalertrags-, der Erbschafts- sowie der Mehrwertsteuer gestrichen und der Steuervollzug verbessert werden.

Zudem sollte die Politik aus Sicht der OECD die Minijobs, das Ehegattensplitting und die Mitversicherung des Ehepartners in der Krankenversicherung reformieren, um die Anreize zu verbessern die Zahl der Arbeitsstunden zu erhöhen. "Die meisten Leute in Deutschland sind nicht faul, wie es oft in der Debatte heißt, sondern rational, denn in vielen Fällen lohnt sich Mehrarbeit einfach nicht."

"Wenn ich ein bisschen mehr verdiene als die Minijob-Grenze, habe ich teilweise netto sogar weniger oder kaum mehr. Das ist natürlich ein Problem", sagt IfW-Forscher Groll. Mindestens die Hälfte der Minijobber seien Schüler, Studenten und Renter. Für sie sei eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung keine Alternative. Auch deshalb sollte es den Fachleuten zufolge weiterhin Teilzeitmöglichkeiten und anderen flexible Arbeitsangebote geben. Für Eltern sei zudem auch die Kinderbetreuung und die Unterstützung bei der Pflege relevant, fügt Weber hinzu.

Ältere Arbeitnehmer bieten großes Potenzial

All das werde zwar auch für sich genommen nicht wahnsinnig viel bringen, sagt Groll. Aber: "Wir sprechen immer gern von dem Gulliver-Syndrom. Einzelne Maßnahmen haben vielleicht nur einen kleinen Effekt. Aber weil es eben so viele Fehlanreize gibt, summiert sich das zu einigen Prozent Wirtschaftsleistung." Ein weiterer wichtiger Schritt sei außerdem eine Rentenreform und das Zurückfahren von Frühverrentungsregeln. "Die abschlagsfreie Rente mit 63 müsste eigentlich ersatzlos gestrichen und das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden", so Groll.

"Im Rentensystem sollten wir uns nicht mehr darauf fokussieren, wer wann in Rente gehen kann und einseitig Lebensleistungen über Frühverrentungsmöglichkeiten honorieren, sondern durchgängig gute Anreize fürs Weiterarbeiten bieten - wie einen durchgängigen Rentenaufschlag von 0,5 Prozent pro Monat", meint IAB-Forscher Weber. Menschen in belastenden Jobs sollten systematisch weiterentwickelt werden in Tätigkeiten mit längerer Perspektive.

Deutschland hat die älteste Arbeitsbevölkerung in der Europäischen Union. Auch Grundke verweist deshalb auf das Potenzial von älteren Arbeitnehmern. "Da geht es vor allen Dingen darum, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, Weiterbildungsmaßnahmen und Flexibilität zu ermöglichen." Gleichzeitig schlägt die OECD vor, die Anreize zur Frühverrentung - wie die Rente mit 63 oder das Blockmodell bei der Alters-Teilzeit zu überdenken. Denn das führe dazu, dass mehr Arbeitnehmer eher in Rente gehen - und gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel vermisst werden.

Till Bücker, HR, tagesschau, 03.02.2026 • 18:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Welche Reformen dem Arbeitsmarkt wirklich helfen | 03.02.26 | 18:49 Uhr

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