Nachwuchspreis 2026 Neurologe will Hirntumoren den Stecker ziehen
Der Neurologe Varun Venkataramani wird für seine Forschung zu Glioblastomen ausgezeichnet: Er zeigte, dass diese Hirntumore Verbindungen zu gesunden Nervenzellen nutzen, um ihr Wachstum zu fördern.
Glioblastome gehören zu den aggressivsten und tödlichsten Hirntumoren. Sie verdoppeln ihr Volumen innerhalb eines Monats und führen oft innerhalb von 18 Monaten nach der Diagnose zum Tod. Doch die Forschung des Heidelberger Neurologen Varun Venkataramani gibt neue Hoffnung. Für seine bahnbrechenden Entdeckungen wird der 36-Jährige mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis 2026 ausgezeichnet.
Hat herausgefunden, dass Glioblastome das Nervensystem auf eine zuvor unbekannte Weise kapern: Varun Venkataramani
Tumorzellen kapern das Nervensystem
Venkataramani, der an der Universität Heidelberg Humanmedizin studierte und eine Doppelpromotion abschloss, leitet seit 2022 eine 15-köpfige Forschungsgruppe am Universitätsklinikum Heidelberg.
Venkataramani hat herausgefunden, dass Glioblastome das Nervensystem auf eine zuvor unbekannte Weise kapern. Sie bilden Verbindungen zu gesunden Nervenzellen, sogenannte Synapsen, die normalerweise nur zwischen Nervenzellen vorkommen. Über diese Verbindungen zapfen die Tumorzellen elektrische Signale der Nervenzellen an, die ihr Wachstum fördern und ihre Ausbreitung beschleunigen.
Grundstein eines neuen Forschungsfelds
Bereits während seiner Doktorarbeit fiel Venkataramani unter dem Elektronenmikroskop eine ungewöhnliche Struktur auf: eine Verbindung zwischen einer Tumorzelle und einer Nervenzelle, die einer klassischen Synapse ähnelte. Was zunächst wie ein Zufall oder ein Artefakt wirkte, entpuppte sich nach jahrelanger Forschung als bahnbrechende Entdeckung. 2019 veröffentlichte Venkataramani seine Ergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift Nature und legte damit den Grundstein für ein neues Forschungsfeld: "Cancer Neuroscience", also Krebs-Neurowissenschaften.
Dieses Gebiet untersucht, wie Krebszellen und das Nervensystem miteinander interagieren. Venkataramani konnte zeigen, dass Glioblastome die elektrischen Signale der Nervenzellen nutzen, um ihr Wachstum zu beschleunigen. Die Signale werden über den Neurotransmitter Glutamat übertragen, das an spezielle Rezeptoren der Tumorzellen andockt und so ein elektrisches Signal auslöst.
Neue Therapieansätze: Medikamente und Gentherapie
Die Entdeckung dieser Mechanismen hat bereits konkrete Auswirkungen auf die Behandlung von Glioblastomen. Ein Medikament, das die Signalübertragung zwischen Nervenzellen und Tumorzellen blockiert, wird derzeit in einer klinischen Studie getestet. Dabei handelt es sich um den Wirkstoff Perampanel, der ursprünglich zur Behandlung von Epilepsien entwickelt wurde.
Erste Ergebnisse aus Laborversuchen zeigen, dass Perampanel das Tumorwachstum verlangsamen kann. Doch Venkataramani und sein Team gehen noch weiter: Sie arbeiten an einer gentherapeutischen Methode, die gezielt Nervenzellen markiert, die mit Tumorzellen verbunden sind. Diese markierten Nervenzellen könnten dann dazu gebracht werden, sich selbst zu zerstören. Ohne diese Verbindungen verlieren die Tumorzellen ihre lebenswichtige Stromversorgung und können nicht so schnell weiterwachsen.
Ein neues Forschungsfeld mit Potenzial
Ziel der Forschung ist es, das Tumorkonnektom - also die Verbindungen zwischen Tumorzellen und Nervenzellen - immer genauer zu entschlüsseln. Venkataramanis Forschung zeigt, dass ähnliche Mechanismen auch bei anderen Krebsarten eine Rolle spielen könnten. Das eröffnet neue Perspektiven für die Krebsforschung insgesamt.