Modellrechnung Plastik kostet uns immer mehr Lebenszeit
Von der Herstellung bis zur Entsorgung: Der Kreislauf von Plastik hat Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Eine Studie zeigt, dass selbst im optimistischsten Szenario die Weltbevölkerung mehr Lebenszeit verlieren werde.
Der weltweite Verbrauch von Plastik steigt: Laut OECD könnte er sich bis 2060 fast verdreifachen. Wie genau das unsere Gesundheit beeinflusst, ist bislang schwierig zu sagen. Denn einige Auswirkungen sind noch immer zu wenig erforscht.
Im Fachmagazin Lancet Planetary Health ist nun eine neue Studie veröffentlicht worden, die eine erste globale Schätzung liefert: Wie wirkt sich der komplette Plastik-Kreislauf auf die Gesundheit der Weltbevölkerung aus? Dazu verglichen die Forscherinnen und Forscher sechs mögliche Szenarien - vom "business as usual" bis hin zum optimistischsten Szenario.
Weltbevölkerung verliert insgesamt Millionen Lebensjahre
Das Ergebnis: Bleibe alles wie bisher, könnten sich die Gesundheitsschäden durch Plastik-Emissionen bis 2040 verdoppeln. Konkret geht die Studie für 2040 von insgesamt 4,5 Millionen verlorenen gesunden Lebensjahren aus - entweder durch Tod verloren oder durch Krankheit eingeschränkt. Im optimistischsten Fall - also wenn Plastik weniger genutzt, besser entsorgt und mehr recycelt wird - wären es insgesamt 2,6 Millionen Lebensjahre. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 waren es 2,1 Millionen. Also selbst im optimistischen Fall verliert die Weltbevölkerung mehr gesunde Lebenszeit.
Verwendet wurde dabei die Maßeinheit "Disability-Adjusted Life Years". Da diese auch Krankheiten berücksichtigt, werden sie als ein "faireres" Maß gesehen als nur der Blick auf Todesfälle, erklärt Hanns Moshammer von der Medizinischen Universität Wien, der nicht an der Studie mitgearbeitet hat, dem Science Media Center (SMC).
Treibhausgase, Feinstaub und krebserregende Chemikalien
Betrachtet wurde der gesamte Lebenszyklus von Plastik: also Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport, Recycling und Entsorgung. All das setze Schadstoffe wie Treibhausgase, Feinstaub und krebserregende Chemikalien frei. Die Produktion sei dabei der relevanteste Faktor, so die Studie.
Der Lancet-Studie zufolge geht die größte gesundheitliche Belastung durch den Plastik-Kreislauf von Feinstaub und den Folgen der globalen Erwärmung aus. Beide machen jeweils etwa ein Drittel der verlorenen gesunden Jahre aus. "Der Plastik-Lebenszyklus trägt mit etwa 4,5 Prozent zu den menschengemachten Treibhausgasemissionen bei und ist eine Hauptquelle für luftverschmutzende Partikel", erklärt Professor Walter Leal von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg dem SMC. Damit sei sein Klimabeitrag größer als der des globalen Flugverkehrs, der bei etwa zwei Prozent liege.
Belastung erheblich - aber nicht die größte
Was bedeutet das für eine einzelne Person? Umgerechnet könnten die vier Millionen verlorene gesunde Lebensjahre für 2040 etwa fünf Stunden für jeden Menschen auf der Erde bedeuten, sagt Leal. Zumindest in der Theorie - denn Dietrich Plaß vom Umweltbundesamt betont: Dadurch dass jeder Mensch ein eigenes Risikoprofil habe, lassen sich solche Ergebnisse nicht direkt auf individuelle Menschen übertragen.
Im Vergleich zu anderen globalen Gesundheitsbelastungen sei die durch Plastik verursachte Krankheitslast erheblich, so Leal. "Aber weit geringer als die Krankheitslast durch die allgemeine Luftverschmutzung." Je nach Quelle seien das jährlich über 100 Millionen Lebensjahre. Die Krankheitslast durch Plastik sei vergleichbar mit der von Hepatitis B und "unterstreicht die Notwendigkeit, diesem Thema Aufmerksamkeit zu schenken", so Leal.
Fehlende Daten schränken Aussagekraft ein
An vielen Stellen fehle es aber weiterhin an Daten - etwa zu den gesundheitlichen Effekten durch Mikro- und Nanoplastik oder durch den Kontakt mit Chemikalien während der Nutzung von Plastik. Daher gehen die Autorinnen und Autoren davon aus, dass die tatsächliche Zahl der verlorenen gesunden Lebensjahre noch höher liegen könnte. "Daher ist die Studie ein entscheidendes, aber unvollständiges Stück des größeren Bildes", sagt Leal.
Auch wenn Plaß vom Umweltbundesamt in der Studie einen "ersten Schritt" sieht: Die Analyse basiere auf einem veralteten Berechnungsmodell von 2016, kritisiert er. Das schränke die Aussagekraft ein. Dadurch sieht Plaß auch eine Überschätzung der Zahlen nicht als ausgeschlossen. Die Datengrundlage müsse besser werden.
Auch positive Effekte durch Plastik
Außerdem weist Leal darauf hin, dass Plastik auch positive Effekte auf unsere Gesundheit haben könne. "Plastik ist unverzichtbar für moderne Gesundheitsversorgung", erklärt er. So garantiere es etwa, dass Einwegartikel wie Spritzen steril blieben. Auch in der Lebensmittelhygiene schütze es vor Keimen und Verderb - und damit unter anderem vor Lebensmittelvergiftungen.
Dennoch könnte die Studie eine Grundlage für die Politik sein. Eine "weltweit koordinierte Politik" müsse diese Auswirkungen durch Plastik angehen, schreiben die Autorinnen und Autoren. Das sei "für den Schutz der menschlichen Gesundheit von entscheidender Bedeutung".