Auf meinem Rentenbescheid steht, wenn ich bis zur Rente weiter so erbärmliche Beiträge einzahle wie bisher, soll ich gefälligst selbst gucken, wo ich bleibe, sonst wird’s nämlich definitiv nicht reichen. Zumindest sinngemäß steht das da. Und dass ich dabei die Inflation und die sinkende Kaufkraft bedenken soll. Mit freundlichen Grüßen, Ihre Deutsche Rentenversicherung. Und damit hat meine Deutsche Rentenversicherung auch Recht.
Das Risiko, im Alter arm zu sein, steigt – für Frauen ganz besonders. Jetzt schon ist jede fünfte Frau über 65 von Altersarmut bedroht. Frauen bekommen im Durchschnitt ganze 40 Prozent weniger Rente als Männer. „Gender-Pension-Gap“ nennt man diesen Rentenunterschied. Kein Wunder, dass sich die Mehrheit der jungen Frauen zwischen 18 und 32 vor Altersarmut fürchtet. 68 Prozent nämlich, fand eine Umfrage der Versicherung Generali heraus. Ebenso viele fühlen sich beim Thema Altersvorsorge schlecht informiert. Ich bin eine davon.
Um mich von diesen unangenehmen Gedanken abzulenken, scrolle ich auf Instagram. Und schon bin ich wieder drin im Thema. Mein Feed ist voll von Influencerinnen, die mir sagen, ich solle mein „Money Mindset“ ändern, meine innere „Investment Queen“ wecken, nicht „diese 10 häufigsten Finanzfehler von Frauen“ machen und „die Finanzsuperheldin sein, die meine Kinder verdienen“. Vor allem soll ich als emanzipierte Frau natürlich finanziell unabhängig sein. Nicht, dass es irgendjemanden gäbe, von dem ich finanziell abhängig sein könnte, selbst wenn ich es wollte, aber ok.
Mich selbst und selbstbewusst um meine Finanzen kümmern: Klingt erstmal irgendwie feministisch. Und gar nicht so schwer. Jede kann investieren, man muss nicht reich sein, lese ich auf den meisten Profilen. Eigentlich sei man selbst schuld, wenn man nicht schon vorgestern damit angefangen hat. Meine Finanz-FOMO ist geweckt.
Ist die Finanzwelt doch nur ein Hobby für Reiche?
Gleichzeitig bereitet mir der neoliberale Tenor, der sich durch die Profile zieht, mindestens so starke Bauchschmerzen wie mein mieser Rentenbescheid. Um mich selbst vor Altersarmut zu schützen, soll ich jetzt also mein Geld in Firmen investieren, die mit Umweltzerstörung und Kinderarbeit im Kongo ihren Profit erwirtschaften? Und ist es wirklich so einfach? Muss nur jede lernen, wie man vernünftig investiert und dann hat sich das Problem mit der Altersarmut von Frauen erledigt? Oder ist die Finanzwelt am Ende doch nur ein Hobby für Reiche?
Bevor ich mir vor lauter Zukunftssorgen einen teuren Online-Kurs aufschwatzen lasse, gucke ich mir die Finfluencer*innen-Szene einmal genauer an. So nennt man diese Finanz-Influencer*innen kurz. Erstmal positiv: Sie ist sehr viel diverser als die Welt der klassischen Finanzberater*innen. In den vorderen Reihen der englischsprachigen Szene tummeln sich inzwischen viele Frauen und People of Color.
Die deutschsprachige Szene ist erwartungsgemäß weniger divers, doch auch hierzulande finden sich einige Frauen unter den topgerankten Finfluencer*innen. Da ist zum Beispiel die 29-jährige Diana zur Löwen, deren Kanal erstmal wie der einer normalen Mode-Influencerin aussieht. Dazwischen prahlt sie aber auch mit ihren diversen Altbau-Wohnungen in Berlin, empfiehlt ihren 1,2 Millionen Follower*innen, ETFs zu kaufen und erklärt, dass der beliebteste von ihnen „MSCI World“ heißt. Wenn das der Wissensstand ist, der von einer Finfluencerin verlangt wird, könnte ich glatt auch mal über diese Alternativkarriere nachdenken.
Etwas komplexer kommt das Profil von Natascha Wegelin, aka Madame Moneypenny daher, die in verschiedenen Finfluencer*innen-Rankings recht weit oben steht. Wer aber die ganze Komplexität der Altersvorsorge und der finanziellen Selbstbestimmtheit von ihr erlernen möchte, muss eine auf der Webseite nicht näher bezifferte vierstellige Summe für ein Mentoring-Programm hinblättern. Auf der Suche nach dem Preis muss man sich durch eine Reihe von Aussagen durchscrollen, die einem wahlweise Angst vor Altersarmut machen, oder aber ein schlechtes Gewissen, nicht schon vor zehn Jahren mit dem Investieren angefangen zu haben. Verständlich, wer da sofort in Wegelins teures Heilsversprechen einwilligen möchte.
Studie: Nur 28 Prozent der Finfluencer*innen gaben sinnvolle Tipps
Vor Jahren nahm ich einmal an einem Online-Kurs von Madame Moneypenny teil, den sie als Live-Call vermarktete, mit Datum und Uhrzeit. Währenddessen bekam ich allerdings das starke Gefühl, dass es sich um ein aufgezeichnetes Video handelte. Ich hatte mit Wegelin bereits ein schriftliches Interview vereinbart, auf meine Nachfrage diesbezüglich antwortete eine Mitarbeiterin, Wegelin stehe für ein Interview doch nicht zur Verfügung.
Finfluencer*innen haben Einfluss, vor allem auf Gen Z und Gen Y. Mehr als die Hälfte der 18- bis 45-Jährigen, die ihr Geld anlegen, sehen laut Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) Posts von Finfluencer*innen. Sie verdienen ihr Geld auf unterschiedliche Weise: Mit eigenen Büchern oder Online-Seminaren wie Natascha Wegelin oder Lazy Investors, mit Werbekooperationen wie zwischen Diana zur Löwen und dem Online-Broker Trade Republic oder indem sie Provision für den Verkauf bestimmter Finanzprodukte bekommen, ähnlich wie klassische Finanzberater*innen. Besonders letzteres ist erfolgreich: Laut Bafin kauften 57 Prozent der erreichten Investor*innen tatsächlich das beworbene Finanzprodukt über den Link, den die Finfluencer*innen bereitstellten.
Finfluencer*innen sind einflussreich – doch sind sie auch vertrauenswürdig?
Eine Studie des Swiss Finance Institute fand heraus, dass nur 28 Prozent der Finfluencer*innen sinnvolle Tipps gaben, die tatsächlich Gewinn einbrachten. 16 Prozent gaben Ratschläge, die weder hilfreich noch schädlich waren. Ganze 56 Prozent der untersuchten Finfluencer*innen verursachten mit ihren Anlagestrategien dagegen Verluste. Erschreckenderweise waren es gerade diese Finfluencer*innen, die besonders viele Follower*innen hatten. Zudem stehen sie unter keinerlei Kontrolle. Die BaFin beispielsweise hat Finanzinstitute unter Aufsicht – nicht aber einzelne Finfluencer*innen, egal wie viele Follower*innen sie haben.
Ulf Linke von der BaFin möchte Finfluencer*innen nicht pauschal verteufeln, es gäbe durchaus gute Informationsangebote auf Sozialen Medien. Doch er rät zu einigen Vorsichtsmaßnahmen: Erstmal solle man sich über die Person informieren, der man folgt. „Was ist das für ein Mensch? Hat der eine Ausbildung in dem Bereich? Hat er Erfahrung, was sagen andere über ihn?“. Besondere Vorsicht sei geboten bei vermeintlichen Geheimtipps und bei Ratschlägen, die große Gewinne versprächen, ohne die Risiken darzustellen. Auf keinen Fall sollte man sich unter Zeitdruck setzen lassen. „Klicks kriegt man eben durch spannende Tipps, nicht durch ein Tagesgeldkonto mit zwei Prozent Zinsen“, erklärt er.
Soziologin: „Investieren ist etwas für diejenigen, die die entsprechenden Löhne haben“
Linke kann bestätigen, dass immer mehr Frauen die Finfluencer*innenszene erobern. „Früher haben eher Männer Finfluencer*innen gefolgt, jetzt gleicht es sich an“, sagt er. „Viele Frauen unter 30 beschäftigen sich mit Finanzen, darauf reagiert der Markt“. Tatsächlich fühlen sich Männer eher von den Finanz-Posts anderer Männer angesprochen, Frauen eher von Frauen, zeigt eine kürzlich erschienene Studie der Universität Jerusalem. Das traf sogar dann zu, wenn den Proband*innen das Geschlecht der jeweiligen Finfluencer*innen nicht bewusst war.
Ulf Linke von der BaFin findet es „grundsätzlich gut, dass es ein spezifisches Angebot für Frauen gibt“. Frauen haben weniger Finanzwissen, und zwar über verschiedene Länder und Altersgruppen verteilt, inklusive Single-Frauen, die allein für ihre Finanzen verantwortlich sind. Ein Erklärungsansatz in der Forschung dazu ist mangelndes Selbstbewusstsein bezüglich dieses Themas.
Auf der einen Seite möchte ich Linke vorsichtig zustimmen: Kein Themengebiet sollte nur einem Geschlecht vorbehalten sein, vor allem kein so entscheidendes wie Geld. Geld ist eng mit Macht verknüpft und die sollte in einer demokratischen Gesellschaft gleich verteilt sein. Und ja, auch ich strotze nicht vor Selbstbewusstsein, wenn es um meine Kenntnisse der Finanzwelt geht. Wenn weibliche Finfluencer*innen Frauen wie mich dazu empowern können, uns mehr Wissen anzueignen – why not.
Die Forschenden von der Universität Jerusalem stellten außerdem fest, dass männliche und weibliche Finfluencer*innen verschiedene gegenderte Narrative benutzten. Frauen teilten eher persönliche Geschichten, sprächen über haushaltsnahe Themen wie das Sparen. Männer redeten dagegen eher über Risikobereitschaft und übers Reichwerden. Befreien wir uns von der ungleichen Verteilung von Macht und Geld, indem wir Geschlechterstereotype reproduzieren? Hat die weibliche Finfluencerinnen-Szene am Ende überhaupt etwas mit Empowerment zu tun? Oder sind wir emanzipierten Frauen, die begründete Angst vor Altersarmut haben, einfach nur ein lukrativer neuer Markt?
Empowerment sei es – aber nur für eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen, sagt Nicole Mayer-Ahuja. Sie ist Professorin für Soziologie mit den Schwerpunkten Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Uni Göttingen. „Investieren als Altersvorsorge ist etwas für diejenigen, die die entsprechenden Löhne und Planungsperspektiven haben, Männer wie Frauen“, sagt sie. „Für den Großteil der Frauen ist das nicht möglich.“ Dass Frauen im Durchschnitt 40 Prozent weniger Rente bekämen als Männer, beruhe in großen Teilen auf politischen Entscheidungen. Also bräuchte es auch politische Entscheidungen, um gegen den Gender-Pension-Gap und die Altersarmut vorzugehen: Das Ehegattensplitting gehöre abgeschafft, Branchen, in denen vor allem Frauen vertreten seien, müssten aufgewertet werden, wir bräuchten eine staatlich organisierte, verlässliche Kinderbetreuung.
Soziale Absicherung ist nicht vom Himmel gefallen
Vor allem aber kritisiert Mayer-Ahuja den Niedriglohnsektor und die Minijobs, in denen überdurchschnittlich viele Frauen vertreten seien: „Unternehmen zahlen sehr geringe Löhne für teilweise sehr harte Arbeit, die Minijobber*innen erwerben dabei keine Rentenansprüche. Ausgeglichen wird das durch den Partner oder den Staat. Diese Unternehmenssubventionierung sollten wir uns nicht mehr leisten“.
Sollten Frauen nicht dennoch ihr finanzielles Schicksal selbst in die Hand nehmen, wie es mir die Finfluencerinnen auf Instagram erzählen? Mayer-Ahuja glaubt nicht, dass das für den Großteil der Frauen funktioniert. „Wir sollten kollektiv eine andere, besser Politik einfordern und durchsetzen“, sagt sie. „Ab in die Gewerkschaft! Soziale Absicherung ist nicht vom Himmel gefallen. Das war Ergebnis harter Auseinandersetzungen“. Das alles könnte jedoch noch ein langer Weg sein. Das Gefühl, ich sollte mich in der Zwischenzeit dringend um meine Finanzen kümmern, bleibt.
Zum Glück scheine ich nicht die einzige zu sein, die sich zwischen einer linken Grundhaltung und neoliberalen Finfluencerinnen-Narrativen mit ihren Zukunftssorgen etwas lost fühlt. Ich entdecke eine Veranstaltungsankündigung für ein FLINTA*-Finanztreffen in einer linken Berliner Bar, eine feministische Telegram-Gruppe für den Austausch zum Thema Finanzen und Altersvorsorge. Statt der Millionärin Natascha Wegelin die unbekannte vierstellige Summer rüberzuschieben, beschließe ich erst einmal, mich selbst zu informieren – und zwar zusammen mit anderen FLINTA*.
Ich schicke eine Nachricht in zwei Telegram-Gruppen und innerhalb von zwei Tagen melden sich 17 Menschen aus meiner Stadt bei mir. Im Januar wollen wir uns das erste Mal treffen um zum Thema Altersvorsorge auszutauschen und uns zusammen mehr Finanzwissen anzueignen. Weil das Thema gleich schon weniger bedrohlich wirkt, wenn man es gemeinsam angeht.